Local Hero: Der wilde Mann von Manhattan
Pflanzenfresser
auf der Pirsch
apatosaurus
Frankfurter Rundschau
August 16, 2002
Von Stephan Brünjes
Ein Salat mit Löwenzahn aus dem Central Park? Steve Brill kennt das Rezept. In New York zieht der "Wildman" seine grüne Show ab. Er führt Gruppen durch die Parks, rupft die mehr als 100 essbaren Pflanzen und gibt Ernährungs-Tipps

Wie Panter springen vier Undercover-Polizisten aus dem Gebüsch, packen sich einen Mann, drehen ihm die Hände auf den Rücken und lassen die Handschellen klicken. Tatort Central Park, New York City. Ein ganz dicker Fisch ist den Cops da ins Netz gegangen: Steve Brill, so eine Art "Löwenzahnmörder". Sein Verbrechen: Fortgesetztes Ausrupfen von Löwenzahn und anderen niederstämmigen Gewächsen, teilweise in Tateinheit mit dem Verzehr derselben. Das war nämlich strengstens verboten im Central Park - damals, im März 1986. Und deshalb fand der New Yorker Park Commissioner es nur recht und billig, dass der renitente, zuvor mehrfach verwarnte Wiederholungstäter Steve Brill sich für seine Taten schon wenige Tage später endlich vor Gericht verantworten musste.

Doch der Löwenzahnzupfer hatte sich zwischen Festnahme und Verhandlung rührend um die Presse gekümmert, sie umfassend informiert und Dutzende von Radio- und TV-Interviews gegeben. Mit einem Schlag war Brill in den ganzen USA bekannt. Der erste Amerikaner, der wegen öffentlichen Unkrautjätens verurteilt werden sollte. Und das, obwohl es kein Corpus delicti gab. Denn den gepflückten Löwenzahn hatte Brill sofort aufgegessen. Am Tag der Verhandlung kredenzte er für Prozessbeobachter auf den Treppen des Gerichtsgebäudes seinen so genannten Five-Borroughs-Salat, eine Delikatesse, bestehend nur aus Zutaten, die Brill in den Parks aller fünf New Yorker Bezirke zusammengerupft hatte. Den Richtern war schnell klar, eine lange Verhandlung wäre nur wohlfeiles Dressing auf diese peinliche Posse, deshalb verzichteten sie ruckzuck auf eine Verurteilung und stellten das Verfahren ein.

Und die Stadt New York offerierte Brill, dem Unbelehrbaren, ein außergewöhnliches Resozialisierungsprogramm: Einfach weitermachen wie bisher, und zwar nicht nur mit Duldung, sondern ausdrücklich im Auftrag der Park Commission, als offzieller Naturkundelehrer New Yorks. Seitdem pirscht der "Wildman", wie er sich nennt, beinahe täglich durch die Parks von Manhattan, New Jersey, Queens, Brooklyn oder Long Island. Und hinter ihm her stets ein Lindwurm von bis zu 40 Fans und Touristen, immer auf der Suche nach essbaren Pflanzen mitten im Großstadtdschungel. Heute soll's mit dem "Wildman" im Central Park durchs Unterholz gehen. Treffpunkt: 72. Straße. Da vorne, dieser Zwillingsbruder von Rudolf Scharping mit Tropenhelm und Trillerpfeife, das muss er sein, der "Wildman".

"Vorsichtig, ganz vorsichtig, zertrampeln Sie nicht ihr Abendessen", warnt er scherzhaft einige Naturfreunde, die am Rande eines Grünstreifens von einem Bein aufs andere treten und es gar nicht abwarten können, bis Brills kreativ-kulinarische Erntetour beginnt. "Mehr als 100 essbare Pflanzen gibt es hier", beginnt der sprechende Tropenhelm mit soft-sakraler Singsang-Stimme seine Einführung. Und greift scheinbar wahllos ins Gebüsch, zupft hier ein paar Beeren ab, dort ein wenig Blattgrün und natürlich den Löwenzahn, dem er seinen Kultstatus als "Wildman" verdankt. Einige seiner heutigen Gäste himmeln ihn wie einen Messias an, rupfen eilig an denselben Stellen und stopfen sich die Beute in mitgebrachte Plastiktüten und Yoghurtbecher.

Aha, ein Pilgertrip über einen Naturlehrpfad mitten in Manhattan also, unter Anleitung eines dieser Öko-Überzeugungstäter aus der grün-alternativen Fundi-Fraktion? Weit gefehlt! Der Wildman ist ein Showman: An der nächsten Parkecke bekommt er mit, dass jemand in der Gruppe Geburtstag hat. Sofort ist ein spontanes One-Man-Ständchen fällig: Steve Brill formt den Mund zu einem großen O und beginnt vor diesem Resonanzraum mit gewölbten Händen zu klatschen. Heraus kommt ein eigenartig ploppender Sound. Aber den angestimmten Song erkennt jeder sofort, summt oder singt mit: "Happy Birthday". Sein Vater habe ihm diese Technik beigebracht, erklärt der Wildman hinterher ein wenig atemlos. Acht Jahre habe er mit ihm geübt, "und an meinem achten Geburtstag konnte ich es", sagt er augenzwinkernd.

Dann taucht er wieder ab in die Botanik, pflückt eine Handvoll Brombeeren, Preiselbeeren und Minze. Noch bevor seine Gäste zu Ende gestaunt haben, betet er ein delikat klingendes Rezept herunter, das sich natürlich so schnell keiner merken kann. Beste Gelegenheit für den Werbeblock - Brill erwähnt ganz beiläufig seine beiden bereits existierenden Kochbücher, und vor allem sein drittes: "Kommt in ein paar Wochen in die Läden." Damit auch der Letzte in der Gruppe kapiert, dass es sich hierbei nicht um fade grün-alternative Rezeptsammlungen auf vergilbtem Umweltschutzpapier, sondern vielmehr um Gourmet-Guides handelt, schiebt er noch kurz eine seiner Lieblings-Geschichten hinterher: Die Köchin des britischen UN-Botschafters Sir Crispin Tickell pirschte einst mit dem "Wildman" durch den Central Park. Kurz darauf musste sie für den französichen UN-Botschafter kochen und kredenzte ihm Lamm in Preiselbeer-Minz-Sauce mit Pilzen und zum Dessert Rhabarber-Creme mit wilden Brombeeren. Es sei das beste Dinner gewesen, das er je in New York genossen habe, lobte der Gast hinterher. Die Köchin freute sich, traute sich aber dennoch nicht, dem Franzosen zu beichten, dass alle Zutaten - bis auf das Lamm - aus dem Central Park stammten.

Dabei ist die grüne Lunge New Yorks, übrigens größer als das Fürstentum Monaco, keineswegs der Lieblingspark des "Wildman". Er schwärmt vom Alley Pond Park auf der anderen Seite des East River in Queens, und noch besser sei der Prospect Park in Brooklyn, ebenfalls jenseits des East River. Inzwischen alles "Wildman"-Reviere, ebenso wie etwa 20 weitere Parks in und um New York. Wenn Steve Brill dort erscheint, macht er sie sofort zu einer Mischung aus Gemüseladen, Open-air-Bühne und Schulgarten. Vor allem morgens ist Brill auf Schultournee, düst wie ein Wanderlehrer durch die Region und begeistert ganze Klassen mit lustigen Geschichten von Flora und Fauna.

Zwei Stunden sind wir nun schon durch den Central Park gezogen, da ist eine Pause fällig. Und die Frage, die immer beim Picknick kommt: "Tell me, Wildman, wie bist du drauf gekommen, ausgerechnet mitten in New York auf Pflanzensuche zu gehen?" Ein paar griechische Frauen seien Schuld, erzählt Steve Brill, die habe er 1970 in Queens beim Ernten von Weinblättern beobachtet und gefragt, was sie damit wollten. "Von ihrer Antwort habe ich kein Wort verstanden", erzählt er amüsiert, aber ein Weinblätter-Rezept hätten sie ihm mitgegeben, und das habe er nachgekocht. Von da an sei er sozusagen süchtig geworden und habe täglich mehr über essbare Pflanzen wissen wollen.

Den "Wildman" zu geben, das ist für Brill zuerst Berufung und inzwischen längst Beruf geworden. Seinen Job als Psychologe hat er aufgegeben. Werbung muß "Wildman" nicht machen, das erledigen andere für ihn. Seine Touren werden regelmäßig in den Event-Kalendern der Zeitungen und Stadtmagazine angekündigt. Das reicht für volle Wandergruppen. Deutsche sind allerdings selten dabei. Nur an eine erinnert sich Steve Brill sehr genau. Luise hieß sie, eine quirlige ältere Dame. Irgendwann sei sie aufgetaucht und habe beherzt giftigen Efeu gepflückt. Obwohl Brill sie mit erhobenem Lehrer-Lämpel-Zeigefinger eindringlich davor gewarnt hat. Doch die Lady habe nur gelächelt und verkündet: "No no, Mister Wildman, I know this very well, I touch this very often". Sie kenne sich aus, diese Pflanze habe sie schon oft berührt. Tags darauf sei sie dann erneut erschienen, mit feuerroten Armen und ziemlich kleinlaut: "Well, well, Mister Wildman, I will never ignore your warnings again..." Künftig werde sie seine Warnungen nicht mehr missachten.

Auskunft: Seine "Wildman"-Touren bietet Steve Brill von Anfang März bis Anfang Dezember in mehr als 20 Parks in und um New York City an. Sie dauern vier Stunden. Erwachsene zahlen zehn Dollar, Kinder fünf. Eine Anmeldung spätestens 24 Stunden vor der Tour ist Pflicht, entweder telefonisch unter (914) 835-2153 oder per e-mail: wildman@wildmanstevebrill.com.

Mitzubringen sind: Plastiktüten oder Behälter zum Sammeln, Handschuhe, regenfeste Kleidung, feste Schuhe, Lunchpaket. Alle weiteren Infos inklusive Anreisebeschreibungen für die verschiedenen Parks, Rezepte, Anekdoten etc. unter www.wildmanstevebrill.com.